Geburtstagsbrief 2026
Feiner Sand
Die meisten Menschen meiner Generation kennen sicher noch das, was wir heute als Kinder-Flachwitz bezeichnen würden:
„Wie viel ist Sieben mal Sieben?“
„Feiner Sand“ ☺️
Vor einigen Tagen bin ich zu „Feinem Sand“ geworden. Ich durfte bereits sieben Siebenjahreszyklen in diesem Körper erleben. Aus diesem Anlass möchte ich einige der Sandkörnchen mit Euch teilen.
Dankbarkeit
In den letzten Tagen und Wochen ist mir aufgefallen, dass ich mit zunehmender Lebenserfahrung – die ich weniger dem Alter als einer gewissen inneren Achtsamkeit und Reife zuschreibe – dankbarer geworden bin.
Ich hätte mich immer gerne als Menschen gesehen, der seinen Mitmenschen und vor allem dem Leben gegenüber mit Dankbarkeit und bewusster Wertschätzung begegnet – vor allem den kleinen alltäglichen Dingen gegenüber. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass darin bis jetzt nicht unbedingt meine Stärke gelegen ist und ich hab´ sogar manchmal etwas abschätzig innerlich die Augen verdreht, wenn in Büchern oder Workshops so etwas empfohlen wurde wie etwa, jeden Tag vor dem Schlafengehen an 5 Dinge zu denken, für die man dankbar ist.
„Ja eh“ … dachte ich mir dann oft innerlich.
Es fühlte sich nach einem „Ich sollte“ an, das ich zwar mit einiger Anstrengung innerlich erzeugen, aber oft nicht wirklich natürlich aus mir heraus spüren konnte.
Das Ganze mag mehrere Gründe haben – wie z. B. den nur allzumenschlichen „negativity bias“ unseres Gehirns, einen zu schnellen Lebensstil, ein gewisses Gefühl von grundlegendem Mangel, selbstbezogene Abwehrmechanismen … etc.
Heute merke ich, dass mir Dinge, die mir das Leben schenkt oder mit denen mich andere Menschen bereichern, öfter auffallen. Ein Dankeschön ist dann nicht mehr gute Erziehung oder Höflichkeit, sondern ein inneres Bedürfnis.
Und ich merke, dass es primär mein eigener Geist und mein eigenes Herz sind, die ich damit beschenke. Das Leben fühlt sich dann reicher, erfüllter und verbundener an. Und interessanterweise gleichzeitig auch freier.
Auf jeden Fall ist es ein tragendes Gefühl und ich bin neugierig, wie sich diese neue Angewohnheit im neuen Lebensjahr weiterentwickelt.
Einfachheit
Etwas anderes, das seit einigen Wochen durch mein System geistert, ist der Gedanke, dass die Essenz des Lebens viel, viel einfacher ist, als es in seiner Komplexität immer wieder scheint. Der Schein trügt – sozusagen.
Eine meiner Lehrerinnen in den Heilkünsten – Rosina Sonnenschmidt – hat sinngemäß immer wieder gepredigt, dass wahre Heilung einfach sein muss. Wenn sie kompliziert scheint, dann haben wir noch irgendwas nicht begriffen.
Ähnlich einer buddhistischen Kalenderweisheit, die man vielleicht im Kopf versteht, aber mit dem Herzen noch nicht wirklich durchdrungen hat, blieb mir die Weisheit von Rosinas Worten damals noch verwehrt.
Heute sehe ich rückblickend, dass wahrscheinlich über 90 % der Schwierigkeiten meines bisherigen Erwachsenenlebens daraus resultierten, dass ich gewisse Erfahrungen vermeiden wollte. Ich denke, dass das grundlegend für uns alle zutrifft.
Experiential Intensity
Viele der Probleme, mit denen wir psychisch und emotional konfrontiert sind, lassen sich auf etwas sehr Einfaches zurückführen:
Den Versuch, bestimmte Erfahrungen NICHT zu machen, die uns zu intensiv erscheinen.
Bruce Tift – ein von mir sehr geschätzter Psychotherapeut, Buchautor und buddhistischer Langzeitpraktizierender – nennt das experiential intensity – die Intensität unmittelbarer menschlicher Erfahrungen:
Ich will mich nicht schämen.
Ich will keine Angst empfinden.
Ich will mich nicht einsam fühlen.
Ich will kein unangenehmes Herzklopfen.
Ich will nicht traurig sein und keinen Herzschmerz spüren.
Ich will mich nicht mit dem Tod auseinandersetzen.
Ich will nichts verlieren.
Ich will mich nicht langweilen.
Ich will keine Ungewissheit.
Ich will nicht scheitern.
Ich will keine Schuldgefühle.
Ich will nicht die Verantwortung einer Entscheidung tragen.
Ich will nicht aushalten, dass jemand wegen mir verletzt ist.
Egal in welcher Ausformung – irgendetwas in mir sagt unbewusst: „Das will ich nicht erleben.“
Und von diesem Ausgangspunkt ist es verständlich, dass wir meist versuchen, unser Leben um die Vermeidung dieser Erfahrungen herum zu organisieren. Was einen hohen Preis hat – nämlich die Verkleinerung unseres Lebensradius und die Verminderung von „experiential intensity“.
Und das kommt oft in Begleitung des Gefühls eines gewissen Mangels oder einer Leere in unserem Leben – die wir tragischerweise oft nicht einmal spüren, weil wir auch genau DIESE Erfahrung wieder vermeiden. Wir versuchen dann, dieses Loch, von dem wir oft nicht einmal wissen, dass es existiert, mit Anerkennung, Erfolg, Zuwendung, Liebe, Drogen, Anstrengung, Adrenalinkicks oder Ablenkungen zu füllen.
Könnte es sein, dass das, was tatsächlich fehlt, etwas ganz anderes ist:
→ Unsere vollständige Teilnahme an dem, was wir gerade unmittelbar erleben – ganz unabhängig davon, was es ist. Was, wenn WIR SELBST das sind, was fehlt?
Die Leute sagen, dass wir alle nach einem Sinn des Lebens suchen. Ich glaube nicht, dass es das ist, was wir suchen. Ich glaube, was wir suchen, ist eine Erfahrung des Lebendig-Seins, so dass unsere Lebenserfahrungen auf der rein physischen Ebene in unserem Innersten nachschwingen und wir die Lust, lebendig zu sein, tatsächlich empfinden.
(Joseph Campbell)
Lebenslanges Lernen
Essence-Love
Dass uns die Fähigkeit, uns für Dinge zu öffnen, die uns potenziell schmerzen können, nicht in die Wiege gelegt wurde, müssen wir uns auf unserem Weg gewisse Skills aneignen.
Eine der wichtigsten für mich persönlich ist das, was mein tibetisch-buddhistischer Lehrer Tsoknyi Rinpoche „Essence-Love“ nennt – eine tief in uns liegende Gewissheit, dass wir fundamental OK sind. Eine Haltung von bedingungsloser Liebe und Annahme uns selbst gegenüber, die nicht so sehr auf einer Einstellung beruht, sondern ein reifer Ausdruck unserer fundamentalen Natur ist.
Den Zugang dazu fand ich über die Jahrzehnte durch Therapie, Meditation, heilsame und schmerzhafte Erfahrungen in menschlichen Beziehungen.
Bewusstheit
Eine andere unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung von Resilienz in „experiential intensity“ ist Bewusstheit oder Achtsamkeit. Erst durch das Training des Bewusstseins kriege ich die äußeren und inneren Realitäten des Lebens überhaupt mit. Erst dadurch kann ich der Wahrheit des Lebens ins Auge sehen.
Diese Achtsamkeit ist nicht in erster Linie ein mentaler Vorgang, sondern beginnt mit dem sinnlichen Erleben durch unseren Körper. Sie setzt bei unseren Empfindungen an und weitet sich auf unser Gefühlsleben aus. Erst dann kann sie auf gesunde Weise Gedanken und Vorstellungen miteinschließen.
Ehrlichkeit
Eine weitere Notwendigkeit – und ich wundere mich gerade wieder, dass ausgerechnet ICH so etwas schreibe – ist Ehrlichkeit. NO BULLSHIT.
Ich denke, dass ich in meinem Leben mit Ehrlichkeit bisher deswegen auf Kriegsfuß stand, weil ich sie wie einen moralischen Imperativ empfand.
Heute sehe ich sie mehr und mehr als einen Spiegel, in den ich mich von Moment zu Moment selber schauen kann – wenn ich das möchte. Und muss … wenn ich wirklich in einer wirklich intimen Beziehung mit mir selbst, meinen Mitmenschen und uns dem Leben sein mag. Und darin liegt eine Menge an „experiential intensity“.
Was, wenn du dir eingestehst, dass dir die Worte im letzten Streit nicht einfach rausgerutscht sind, sondern dass du deinem Partner richtig weh tun wolltest?
Was, wenn du dir gegenüber zugibst, dass du Dinge für deine Kollegin nicht einfach immer vergisst, sondern es ein Weg ist, es ihr für etwas heimzuzahlen?
Was, wenn du die Eier hättest, dir einzugestehen, dass du nicht einfach zu wenig Zeit hast zum Meditieren, sondern dass du deiner Arbeit oder den Netflix-Serien einfach Priorität gibst?
Und was, wenn dir bewusst wird, dass es beim Aufschieben deiner Lebensträume nicht nur daran liegt, dass du zu wenig Geld hast, sondern daran, dass du Sicherheit der Angst vor der Ungewissheit vorziehst?
You get the idea …
Training in Experiential Intensity
Was mir bei der Wahrheitsfindung über mich in den letzten Jahren zusätzlich geholfen hat, war die verantwortungsvolle, tiefe Beschäftigung & die Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Substanzen wie LSD, Magic Mushrooms oder MDMA und unlängst meine Erfahrungen im Dark-Retreat.
Intimität mit dem Leben & dem Tod
Was mir zum Beispiel in meinem Dark-Retreat bewusst wurde, ist, dass sich die Ausrichtung meines Lebens ziemlich radikal geändert hat.
Noch vor nicht allzu langer Zeit hab ich immer auf irgendetwas in meinem Leben „hingearbeitet“ – eine Veränderung im Job, mehr Erfolg in der Selbständigkeit, mehr Einkommen, bessere Beziehungen, Reisen zu Wunschdestinationen, die Umsetzung irgendeines Projektes oder einer Vision, ein neues Hobby usw.
Heute, als ich wieder einmal über „meinen“ Friedhof spaziert bin, wurde mir klar, dass mir viele Dinge nach wie vor wichtig sind und ich mich auch dafür einsetzen werde.
ABER – dass mich langfristig keine äußeren Ziele mehr wirklich über deren Begrenzungen hinwegtäuschen können. Oder anders gesagt – ich bewahre mir meine Träume und halte sie im Herzen – aber ich bin mir bewusst darüber, dass es Träume sind.
Dann hab ich mich gefragt, was mich denn tatsächlich im Tiefsten bewegt und antreibt. Und die Worte, die dann kamen, waren folgende:
Jeden einzelnen weiteren Tag mit dem Leben und mit dem Tod intimer zu werden.
„The more intimate I get with death, the more I appreciate life.
And the more intimate I get with life, the more I am in peace with death.“
(myself)
Wer bist Du ohne Erinnerung?
Einen Gedanken der thematisch mit dem obigen verwoben ist und den ich noch teilen wil, ist inspiriert durch die 3. Staffel der HBO-Serie “True Detective”. Dort beginnt eine der Hauptpersonen, durch eine Erkrankung im Alter, Erinnerungslücken im Gedächtnis zu bekommen. Mich hat es dazu bewogen darüber nachzudenken, was das für mich als gesunder Mensch bedeutet.
Wer bin ich eigentlich ohne meine Erinnerungen? Was macht mich dann noch aus? Was bleibt, wenn vieles im Speicher gelöscht wird? Auf was kann ich dann noch bauen?
Die Antwort für mich persönlich war in diesem Moment ganz simpel und einleuchtend: :
“Der gegenwärtige Moment.”
Und daraus entstand der Wunsch mich in diesem Leben so sehr mit der Realität des gegenwärtigen Moments anzufreunden, dass die Gegenwart zu einer zeitlosen Zuflucht wird.
Im letzten Jahr hatte ich immer öfter mal solche Momente erlebt, in denen ich mich instinktiv nach einer Zeit des Nachdenkens oder nach dem Erledigen einer Aufgabe, wieder ganz in die Gegenwart zurück geholt habe. Was darauf folgte, war dann eine Art Filmriss – auf eine positive Weise. Ein kurzer Moment von Leere. Der letzte Augenblick war vergangen und der nächste hatte noch nicht begonnen. Man landet in einer offenen, unbegrenzten Weite – als würde eine Seifenblase platzen, ein Cocoon aufbrechen oder ein Traum blitzschnell zu Ende gehen. In solchen Momenten blitzt unser Bewusstsein durch, unsere “Buddha-Natur”. Wenn wir mit dieser Natur nicht vertraut sind, kann sie uns Angst machen. Und unser Gehirn könnte versuchen diese Leere wieder mit Gedanken und Bildern zu füllen. In Fällen von Krankheiten manchmal mit Trugbildern, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Wenn wir mit ihr vertraut sind, kann sie unser zu Hause werden.
Au den mystischen Wegen kann man lernen, diese Momente und dieses Vertrauen zu kultivieren. So wie man lernen kann, bedingungslose Liebe & Mitgefühl zu kultivieren und aus einem offenen Herzen heraus zu leben. Wenn wir das zeitlebens tun, dann werden wir uns leichter tun in Momenten, in denen wir Verlust erleben – zB den Verlust geliebter Menschen, unserer Körperfunktionen, unseres Gedächtnisses und schließlich unseres Leben.
Der “True Detective” hat mich darin bestärkt, mich mehr einer Lebensgestaltung zuzuwenden, dessen volle Blüte folgendem Zitat von Meister Eckhart entsprechen würde:
“Ein Weiser wurde gefragt, welches die wichtigste Stunde sei, die der Mensch erlebt, welches der bedeutendste Mensch, der ihm begegnet, und welches das notwendigste Werk sei.
Die Antwort lautete: Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.”
– Meister Eckhart
Ausblick
Nepal-Reise
Eine außergewöhnliche Möglichkeit, mit dem Leben tiefer in Beziehung zu gehen, eröffnet sich im Oktober / November auf einer 3-wöchigen Reise nach Nepal. Seit ich mit 18 Jahren Buddhist geworden bin, war mein Traum, irgendwann mal nach Tibet zu reisen. Jetzt geht es mehr als 30 Jahre später zumindest nach Exil-Tibet. ☺️
Wer diese Reise gern ein bisschen mitverfolgen möchte, kann ab 20. Oktober immer wieder mal auf meinen WhatsApp- oder Facebook-Status schauen. Ich werde dort Fotos teilen.
Dharma4Life
Zu guter Letzt noch eine Einladung für jene, die an buddhistischen Inspirationen interessiert sind. Seit kurzem habe ich dafür einen Telegram-Kanal, in dem ich alle paar Tage einen kleinen Dharma-Reminder poste:
Buddhist & Dharma-inspired wisdom for real life. Short clips, teachings, quotes and moments of insight and compassion — for Buddhists and curious minds alike. As well as for exploring the crossroads of therapy & spirituality.
Wenn Du Dich angesprochen fühlst, kannst Du mit einem einfachen Klick beitreten:
https://t.me/dharma4life
Alles Liebe.
Und danke, dass Du in meinem Leben bist,
Manuel
PS: Ein paar visuelle Eindrücke aus dem bunten, vergangenen Lebensjahr:






























