Dark Retreat – eine Woche Dunkelheit – mein Reisebericht

All of humanity´s problems stem from man´s inability to sit quietly in a room alone.

– BLAISE PASCAL

Jene, die mich kennen, wissen, dass ich in den vergangenen Jahrzehnten meines Lebens kaum etwas ausgelassen habe, um mir intensive Räume für Selbsterfahrung zu erschließen. Dazu gehörten neben vielen Workshops auch buddhistische Schweige-Retreats und Kurse zum bewussten Sterben, tantrische Begegnungsrituale, Erfahrungen in sexpositiven Räumen, intensive Zeiten in der Natur mit Maori-Ältesten, Survival-Erfahrungen, Schwitzhüttenrituale und schamanische Heilungswege, eine Visionssuche sowie bewusstseinserweiternde Grenzerfahrungen mit psychedelischen Substanzen.

Jeder dieser Wege hatte seine eigene Sprache und seine eigene Tür, durch die er mich geführt hat – mal über den Körper, mal über die Natur, mal über Stille und Meditation.

Vor einigen Jahren hörte ich dann zum ersten Mal von einem Weg, dessen Ruf ich nach und nach immer stärker spürte und dem ich schließlich im Juli 2026 gefolgt bin: Dark Retreat – eine Woche allein in der Dunkelheit.

Dunkelheit – ein uralter Erfahrungsraum

Für Menschen, die mit dieser Praxis nicht vertraut sind, mag die Vorstellung zunächst ungewöhnlich klingen: mehrere Tage freiwillig in völliger Dunkelheit zu verbringen. Doch der bewusste Rückzug in die Dunkelheit ist keine moderne exotische Idee, sondern wurzelt in einer sehr alten menschlichen Erfahrung.

Seit Jahrtausenden haben Menschen die Dunkelheit als einen Raum der Wandlung, der Innenschau und der Initiation genutzt – als einen Ort zwischen dem Alten und dem Neuen. In den Höhlen und Mysterienritualen der antiken Welt, in schamanischen und indigenen Initiationswegen, in taoistischen Praktiken und bis heute in tibetisch-buddhistischen Traditionen wurde die Abwesenheit äußerer Reize genutzt, um eine tiefere Beziehung zum eigenen Bewusstsein zu erforschen.

Die Dunkelheit war dabei nicht einfach ein Fehlen von Licht. Sie war ein Erfahrungsraum, in dem Menschen sich selbst und ihrem Bewusstsein auf eine unmittelbare und ungefilterte Weise begegnen konnten. Meine sieben Tage in der Dunkelheit waren daher keine Flucht aus der Welt, sondern eine Rückkehr zu einer uralten menschlichen Erfahrung.

Ausgangspunkt

Als Schauplatz für dieses Unterfangen suchte ich mir einen Ort mitten in der Pampa der Slowakei aus – eingebettet in die Natur und fernab jeglichen Trubels.

Dieser idyllische Flecken Erde gehört Katka und Roman, einem buddhistischen Paar, das dort lebt und Menschen Raum für verschiedene Rückzugserfahrungen bietet – so auch für Dark Retreats. Dafür gibt es eine eigens errichtete Hütte, die vollständig abgedunkelt werden kann. Einmal am Tag, zwischen 10 und 16 Uhr, wird ausreichend Essen für die nächsten 24 Stunden gebracht. Das ist die einzige zeitliche Orientierung, an der man sich während dieser Zeit festhalten kann. Ein optionales kurzes Gespräch bei der Essensübergabe ist der einzige menschliche Kontakt.

Soweit zu den Hard Facts.

Nun möchte ich euch in Form von Gedankensplittern – nicht ganz chronologisch – an meiner Erfahrung teilhaben lassen. Dabei möchte ich betonen: Es handelt sich ausschließlich um meine persönliche, einmalige Erfahrung. Andere Menschen können unter denselben Bedingungen etwas völlig anderes erleben

Licht aus

Am ersten Abend machte ich nach einer kurzen Orientierungs- und Experimentierphase den entscheidenden Schritt. Gegen 21 Uhr löschte ich das Licht, schaltete die Sicherung aus und begann meine Reise.

Es ist so dunkel, dass nicht einmal ein einziges Photon Licht durch die vollständig abgedichtete Hütte dringt. Das wird nun mein Zuhause für die nächsten 156 Stunden sein.

Na Gute Nacht.

Relativ bald muss ich eingeschlafen sein – mit der Hoffnung und leider auch mit einer gewissen Erwartung, in den kommenden sieben Tagen die Erschöpfung der letzten Jahre und Jahrzehnte aus meinem System schlafen zu können und einen weiteren Schritt auf meinem Weg der Genesung nach meinem Burn-out zu machen.

Doch wie heißt es so schön:

„Erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt.
In schlechten Zeiten bekommt man nichts geschenkt.“
(Böhse Onkelz)

Langeweile

Bis ich zum ersten Mal Essen bekommen habe, setzte ich kaum einen Fuß aus dem Bett. Ich befand mich in einer Art Zwischenzustand zwischen Schlafen und Wachen und wartete auf den Moment, an dem ich mich endlich wirklich wach und regeneriert fühlen würde.

Doch dieser Moment kam nicht.

Bei der ersten Essenübergabe sagte ich Katka, meiner Begleiterin für diesen Prozess, dass ich mich furchtbar langweile.

„JETZT SCHON?“, meinte sie.
„Dann ist das etwas, womit du arbeiten kannst. Benutze die Langeweile als ein Portal. Akzeptiere sie. Mach sie zu deiner Freundin.“

Also gut.
Langeweile darf sein.

So lag ich ein bis zwei Tage hauptsächlich im Bett. Bis auf gelegentliche Ausflüge auf mein Meditationskissen oder meinen Sofastuhl zum Essen und Teetrinken gab es kaum Bewegung. Ich lag da – fast wie apathisch – und gab mich der Dunkelheit und der Langeweile hin.

Total überraschend war dabei, dass mir mein Handy, das normalerweise ein ziemliches Suchtmittel für mich ist, überhaupt nicht abging. Genauso wenig wie meine Arbeit.

Es war ein eigenartiger Zustand. Eigentlich fehlte mir nichts wirklich – und trotzdem war mir langweilig.
Aus dieser Spannung entstanden die ersten Gedankensplitter:
„Bin ich vielleicht süchtig nach dem Drama in meinem Leben, das mir eigentlich nur Nerven kostet?“

Dann tauchte ein Satz aus dem Tao Te King auf:
„By doing nothing, nothing is left undone.“

GEIL. Und sooo wahr.

Später kreisten meine Gedanken um all das, was ich in meinem Leben bisher erschaffen habe. Um das, was ich erreicht habe. Und dann um das, was ich noch erreichen möchte.

Und plötzlich kam ein Satz aus tiefstem Herzen:
„Ich muss nichts mehr schaffen. Ich habe keine Lust mehr, mir selbst oder irgendjemand anderem etwas beweisen zu müssen. Ich mache nur noch das, was sich für mich sinnvoll und richtig anfühlt.“

Erwartungen

Trotz des ewigen Rumliegens im Bett kam keine Erholung. So wird das nichts mit dem Ausheilen meiner Erschöpfung, dachte ich. Hat Katka nicht gesagt, dass die meisten Menschen die ersten drei Tage hauptsächlich schlafen, um ihren Schlafmangel auszugleichen, und danach völlig frisch sind?

„Was stimmt hier nicht?“
„Was stimmt mit MIR nicht?“

Ertappt.
Genau diese Gedanken sind es, mit denen wir uns unser eigenes Grab schaufeln können. Oder unsere eigene Hölle erschaffen.

Ein Satz von Byron Katie tauchte auf:
„Wenn du mit der Realität kämpfst, verlierst du. Und zwar in 100 % der Fälle.“

Okay. Verstanden. Wieder einmal:
Annahme. Hingabe. Akzeptanz.
Es ist jetzt so.
Und damit muss ich arbeiten.

Jedes Mal, wenn es mir gelang, eine ungeliebte Gegebenheit nicht mehr als Feind, sondern als etwas zu betrachten, das zu mir gehört, ging es mir fast unmittelbar besser.

„What you resist, persists“, hallte es in meinem Kopf wider.
Again – sooo true.

Diese weisen Sprüche sind also tatsächlich nicht nur schöne Worte. Sie enthalten eine Wahrheit, die sich immer wieder im Leben bestätigen kann. Und es sollte nicht der letzte sein, der sich während meiner Dunkelzeit bewahrheiten würde.

Schlafkrise

Interessant, wie sich das Bewusstsein nach einigen Tagen verfeinert. Der Übergang zwischen Wachheit und Schlaf, der normalerweise eher wie ein Kippschalter funktioniert, wurde zu einem Dimmschalter mit unzähligen Zwischenstufen. Es wurde ein ausgedehnter Weg vom Wachbewusstsein hinüber in den Schlaf.

Aus der Dunkelheit tauchten Gedanken auf. Aus Gedanken entstanden Vorstellungen. Aus Vorstellungen kreierten sich Bilder. Diese Bilder entwickelten sich von einer Art schwarz-weißer Skizze zu lebendigen, farbigen Szenen. Und genau an dieser Stelle liegt die Abzweigung in den Traum – und damit in den Schlaf.

Während dieses Prozesses konnte ich mir selbst förmlich zuschauen:

Wie sich die Atemqualität veränderte.
Wie der Körper losließ.
Wie sich der Übergang näherte.

Und dann kam dieser Beobachter in mir:
„Jaaa … jetzt gleich … noch ein bisschen … gleich werde ich …“
ZACK – Genau an dieser Stelle schoss plötzlich ein Schwall Energie in mein Herz.

Es war, als würde man in einem Aufzug langsam nach unten in den Schlaf fahren – und plötzlich reißt das Seil.
Adrenalin schießt durch den Körper.
So ähnlich fühlte es sich an.

So faszinierend es war, diese Reise in den Schlaf so bewusst verfolgen zu können, zeigte sich gleichzeitig die Kehrseite:
Je feiner und bewusster dieser Übergang wurde, desto störanfälliger wurde er auch.

Scheiße. Was jetzt?

Lösungsversuche

Ein Teil von mir wollte sich plötzlich komplett vom Tag-Nacht-Rhythmus der Natur abkoppeln und hier drinnen sein eigenes Ding machen. Schlafen, wenn ich müde bin. Essen, wenn ich Hunger habe. Es klingt so einfach.

Doch meine tief verankerten Instinkte suchten Orientierung. Etwas, woran sie sich festhalten konnten. Und diese Instinkte taten alles, um wieder die Kontrolle zu übernehmen.

Stimmen in meinem Kopf kreierten Szenarien:
„Was, wenn du aus Schlafmangel verrückt wirst?“
„Was, wenn du gerade die Fähigkeit verlernt hast einzuschlafen?“
„Was, wenn …?“

STOP! – „Dort gehe ich jetzt nicht hin.“

Was wäre, wenn ich erlaube, dass alles da sein darf?
Auch das Nicht-Schlafen.

Ich denke an die Worte meines buddhistischen Lehrers Mingyur Rinpoche:
„If you can’t sleep – don’t force yourself. Your insomnia will only get worse. Just try to REST.“

Danke. Das versuche ich jetzt.
So liege ich da und atme – gefühlt zwei Stunden lang – tiefe, gleichmäßige Atemzüge. Manchmal lenke ich den Atem bewusst in das Energiezentrum unterhalb des Nabels. Dazwischen Visualisierungen.

Und dann wieder:
Loslassen. Einfach atmen. Bis ich eins mit dem Atem werde. Bis es sich anfühlt, als würde es mich atmen. Und plötzlich ist da etwas völlig Unerwartetes:

Wonne. Ekstase. Bliss. Verbundenheit. Ausdehnung. Frieden. Energie. Stille.
Was für ein Segen.
Und all das, weil ich mir erlaubt habe, nicht schlafen zu müssen.

Als ich danach kurz aufstehe, um zur Toilette zu gehen (ja – auch DAS schafft man im Dunkeln), schaue ich in die absolute Finsternis. Und plötzlich denke ich:
„Wow. Da ist es wirklich dunkel!“ 🙂 

In den zwei Stunden davor war mir das überhaupt nicht bewusst gewesen.
Warum? – Weil ich im Licht meines Bewusstseins verweilt bin.

Verknüpfungen

Inzwischen haben sich drei tag- und nachtfüllende Hauptaktivitäten herauskristallisiert, die jeweils mit einem bestimmten Platz im Raum verbunden waren:

  1. Schlafen und Rasten – hauptsächlich im Bett.
  2. Sitzen und Nachdenken – hauptsächlich im Sofastuhl.
  3. Meditieren und Atmen – hauptsächlich am Meditationskissen.

Durch diese drei Aktivitäten beginnen sich in mir langsam verschiedene geistige Fäden miteinander zu verbinden.

Mir wird klar, dass mein Problem mit dem Einschlafen und dem unerholsamen Schlaf wahrscheinlich viel mit meiner Erschöpfung der letzten Jahre und Jahrzehnte zu tun hat. Schon als Volksschulkind übte ich gleichzeitig drei Sportarten im Verein aus: Tennis, Fußball und Eishockey.

War vielleicht meine akute Polyarthritis, die ich damals mit sieben Jahren plötzlich über Nacht entwickelte und die nach einem Monat erfolgloser Behandlung – bettlägerig im Krankenhaus – durch eine Feuchtblattern-Infektion wie durch ein Wunder verschwand, schon ein Signal meines Körpers, dass alles zu viel war?
Und wie war es in vielen anderen Abschnitten meines Lebens?

Mein biografisches Gedächtnis wühlte in den Archiven aller Altersstufen und fand auf vielen Gebieten immer wieder dasselbe Muster:

Überforderung.

Und doch meldete sich eine andere Stimme, die alles relativieren wollte:
„Jetzt übertreibst du aber – es war doch auch alles schön und spannend.“
„Andere haben viel mehr Stress und werden auch nicht krank.“
„Du warst doch schon auf dem Weg der Besserung.“
„Du hast doch schon so viel reduziert und schaust gut auf dich.“
„Du kannst dich doch schon viel besser abgrenzen.“
„Andere Menschen haben ein noch viel anstrengenderes Leben.“
„So schlimm ist es auch wieder nicht.“
Und so weiter.

Alles hat seinen Preis

Da fällt meiner inneren Zitatebibliothek wieder einmal etwas ein:

„Humankind cannot bear very much reality.“
T.S. Eliot

Die Realität ist -> Ich kann auf einer tieferen Ebene nur schwer abschalten.
Die Realität ist -> Ich bin oft noch Sklave meines Handys und richte mein Leben immer wieder stark nach den Bedürfnissen anderer aus.
Die Realität ist -> Mein Körper und mein Energielevel sind alles andere als stabil.
Die Realität ist -> Mein Schlaf war wahrscheinlich nur deshalb oft so gut, weil ich abends einfach vor Erschöpfung ins Bett gefallen bin.
Die Realität ist -> Ich habe ein empfindliches System, das eine stimmige Pflege braucht – eine Pflege, die ich nicht an den Maßstäben anderer messen darf.
Die Realität ist -> Ich verbringe zu viel Zeit vor Bildschirmen.
Die Realität ist -> Alles, was ich in mein Leben hole, kostet Energie.

Und die entscheidende Frage lautet:
Wofür bin ich in Zukunft bereit, diesen Preis zu zahlen?

Die Dunkelheit hält mir einen Spiegel vor.
Sie enthüllt meine Schatten – schonungslos.
Denn in der Dunkelheit siehst du nur eine einzige Sache:
Dich selbst.

Die Grenzen des Veränderbaren

An manchen Stellen unseres Lebens kommen wir an Punkte – so wie in meinem Fall beim Thema Schlaf –, an denen wir denken:

„Ich halte das nicht mehr aus.“
„Das ist zu viel.“

Wenn es die Möglichkeit gibt, seine Situation zu verändern und das sinnvoll erscheint, dann zeugt es von Weisheit und Mitgefühl, dies auch zu tun. Doch manchmal stoßen wir an die Grenzen des Veränderbaren. Wenn wir wirklich – und ich meine wirklich – darüber nachdenken, wie viel wir in diesem Leben in einem unendlichen inneren und äußeren Universum tatsächlich verändern können, dann kommen wir vielleicht zu der Erkenntnis, dass wir sehr viel weniger kontrollieren und erzwingen können, als wir gewöhnlich glauben.

Selbst dort, wo wir meinen, frei zu wählen, sind unsere Wünsche, unsere Neigungen und unsere Möglichkeiten von unzähligen Bedingungen geprägt, die wir nicht selbst erschaffen haben.

Wie es in der Serie „Dark“, in Anlehnung an Schopenhauer, heißt:
„You can choose as you want, but your wants are chosen for you.“
(T.G. Tannhaus)

Vielleicht liegt die tiefste Freiheit deshalb nicht darin, alles nach unserem Willen gestalten zu können, sondern darin, unsere Beziehung zu dem zu verändern, was bereits da ist.

Carl Rogers hat einmal gesagt:
„Das Paradoxe ist: Wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin, dann kann ich mich verändern.“

Vielleicht gilt dies nicht nur für uns selbst, sondern auch für die Welt. Erst wenn wir aufhören, gegen das zu kämpfen, was bereits da ist, entsteht der Raum für eine wirkliche Veränderung.

Aufgabe und Hingabe

An einem Punkt meines inneren Kampfes wende ich mich bei der nächsten Essenlieferung an Katka:
„Ich habe heute schon daran gedacht aufzugeben. Es geht mir nicht gut. Ich will nicht weglaufen. Ich will nicht versagen. Aber ich will auch nicht über meine Grenzen gehen. Ich bin wirklich am Limit. Ich will endlich wieder normal schlafen können.“

Nach kurzer Stille klingen ihre Worte wie Balsam durch die Dunkelheit:
„It’s OK to go out. Just make sure that you know WHY! You are already in here for more than 5 days. You are NOT failing if you go out.“

Tränen der Erleichterung rinnen mir über die Wangen.
Und ich merke, wie allein die Tatsache, meine Erfahrung mit jemandem teilen und Worte dafür finden zu können, den inneren Druck deutlich senkt.

Ich habe den Gedanken:
Vielleicht war es mir gerade möglich, Worte zu finden für eine Erfahrung, die meine Ahnen nicht in Worte fassen konnten. Vielleicht habe ich nicht nur meiner eigenen Überforderung Ausdruck verliehen, sondern auch jenen Stimmen Raum gegeben, die vor mir ihr Schicksal oft still ertragen mussten. Innerhalb weniger Minuten wächst meine Zuversicht, auch den Rest der Zeit zu überstehen.

Nach diesem kurzen „Dialog im Dunkeln“ nehme ich mein Inneres Kind in den Arm und sage ihm:
„Es ist okay, wenn du nicht mehr hier sein willst. Aber wir bleiben noch ein bisschen. Und wenn es zu viel wird, dann gehen wir.“

In dieser Hinsicht ist Meditation manchmal Schwerstarbeit:
Wenn eigentlich alles in uns weglaufen möchte und etwas danach schreit, sich abzulenken – und wir trotzdem auf dem Kissen sitzen bleiben und uns liebevoll, aber klar sagen:

„STAY!“

Unbewusstheit ist manchmal ein Segen.

Es braucht eine Mischung aus diesem STAY und einem guten Gespür für die eigenen Grenzen. Eine Balance aus Selbstmitgefühl und Weisheit. Zu wissen, was in verschiedenen Zeiten, Situationen und Umständen auf gesunde Weise gerade möglich ist. Zu wissen, wie man sich dehnt, ohne zu reißen. Wann es im Dunkeln richtig war, auf dem Kissen zu bleiben. Und wann es Zeit war für mein tägliches Ritual mit einem Stück Schokolade und einer Tasse heißem Tee.

Und selbst wenn man zu früh geht. Oder zu spät. Plötzlich wird mir bewusst:
“Es gibt keine Fehler.”

Erweitertes Bewusstsein

Mein Körper fühlt sich zunehmend erschöpft an.
Doch sobald ich auf meinem Meditationskissen sitze, wird mein Geist klarer und klarer. Es wird immer leichter, den Anweisungen meiner Lehrer zu folgen und mich mit dem vertraut zu machen, was jenseits von Körper, Gefühlen und Gedanken liegt -> dem ungeborenen Raum reinen Gewahrseins.

Grenzenlos offen.
Sich seiner selbst unmittelbar gewahr.
Und von Natur aus die Qualitäten von Liebe & Mitgefühl hervorbringend.

Da ist ein starkes Erleben, dass dieser Raum nicht leer im Sinne von „nichts“ ist, sondern vielmehr wie schwanger mit Bewusstsein. Aus ihm scheinen unzählige innere und äußere Universen hervorzutreten.

Als ich versuche, mich in den Ursprung dieser Inkarnation hineinzuversetzen, kommt plötzlich ein Gedanke:
„Ich bin nicht nur in meiner Mutter – meine Mutter ist auch in mir. Im ewig leuchtenden Raum meines Gewahrseins. Ich bin nicht nur Geschöpf. Ich bin auch Schöpfer.”

Die Welt – unser Traum

Ähnlich muss auch Hermann Hesse etwas erlebt haben, als er folgendes Gedicht auf die Welt gebracht hat:

Nachts im Traum die Städt’ und Leute,
Ungeheuer, Luftgebäude,
Alle, weißt du, alle steigen
Aus der Seele dunklem Raum,
Sind dein Bild und Werk, dein eigen,
Sind dein Traum.

Geh am Tag durch Stadt und Gassen,
Schau in Wolken, in Gesichter,
Und du wirst verwundert fassen:
Sie sind dein, du bist ihr Dichter!
Alles, was vor deinen Sinnen
Hundertfältig lebt und gaukelt,
Ist ja dein, ist in dir innen,
Traum, den deine Seele schaukelt.

Durch dich selber ewig schreitend,
Bald beschränkend dich, bald weitend,
Bist du Redender und Hörer,
Bist du Schöpfer und Zerstörer.

Alles, was wir als letztendliche Qualitäten erfahren – Glück, Frieden, Freude, Verbundenheit und Liebe –  scheint auf einer tiefen Ebene nicht von äußeren Umständen abhängig zu sein, sondern aus einer tieferen Dimension unseres eigenen Wesens hervorzutreten.

Diese Erkenntnis darf jedoch niemals dazu führen, die äußeren Bedingungen unseres Lebens zu verneinen. Menschen, Orte, Tätigkeiten und Beziehungen sind oft wichtige Türen, durch die wir bestimmte Erfahrungsräume in uns betreten können. 

Auch das zeigt sich in der Lebensgeschichte Buddhas:
Er verwirklichte die Natur des Geistes nicht dadurch, dass er die Welt ablehnte, sondern indem er durch die Begegnung mit der Welt hindurchging

Verbundenheit & Liebe

Bevor ich euch mit hinaus ins Licht nehme, möchte ich noch ein Wort über Verbundenheit und Liebe schreiben.

Vor meiner Abreise hatte ich einige liebe Menschen gebeten, während meiner Zeit in der Dunkelheit an mich zu denken – in der Hoffnung, dadurch Kraft und Trost zu bekommen, falls es schwierig werden sollte. Und zweifellos hat mir dieser Gedanke geholfen. Doch noch viel stärker war die Kraft, die aus meiner eigenen Liebe zu diesen Menschen entstanden ist.

Ich dachte an sie und spürte eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass so viele wundervolle Menschen Teil meines Lebens sind. Und plötzlich konnte ich einen Satz meines Mentors und Freundes Andreas von Mirbach wirklich in mir spüren – einen Satz, für den ich damals vielleicht noch nicht reif gewesen war:

„Wichtig ist einzig und allein, dass DU sie liebst.“

Ich habe außerdem viele gute Wünsche für Menschen gemacht, denen es gerade nicht gut geht. Dabei durfte ich erfahren, wie viel Verbindung entstehen kann, wenn wir aus unserem eigenen Leid heraus dem Leid anderer Menschen offen und präsent begegnen. Dann entsteht eine Verbundenheit, die jenseits von Nähe und Distanz liegt.

Leiden ist menschlich. Das ist die erste edle Wahrheit des Buddha:
“Es gibt Leid.” – Das Problem ist nicht, dass Leid existiert. Entscheidend ist unsere Beziehung dazu. Ob unser Leiden uns voneinander trennt und wir aus unserem Schmerz heraus weiteren Schmerz erzeugen. Oder ob wir unser Leiden als Möglichkeit nutzen können, unserem eigenen Herzen und unserer wahren Natur näherzukommen.

„Turning obstacles into opportunities“, wie mein Lehrer Mingyur Rinpoche immer wieder sagt.

156 Stunden

Nach dieser Anzahl von Stunden war es endlich soweit. Nach Katkas Klopfzeichen, das mir signalisieren sollte, dass es acht Uhr morgens ist, setzte ich mich noch einmal für eine Stunde zur Meditation. Dann begann der langsame Prozess der Rückkehr ins Licht.

Trotz vorsichtiger Öffnung der Tür – Spalt für Spalt über mehrere Etappen – und trotz der relativ guten Abschirmung durch einen großen, dichten Busch direkt vor der Hütte war die Helligkeit im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend. Ohne diese langsame Gewöhnung wäre ich mir sicher gewesen, dass ich kollabieren oder mich übergeben würde.

Die Eindrücke waren überwältigend.

Nach fast sieben Tagen völliger Abgeschiedenheit wieder die Frische der Luft, die Geräusche des Windes, die Farben der Blumen, die Bewegung der Blätter, die Gerüche des Waldes und die Helligkeit des Lichtes wahrzunehmen, war wie der Höhepunkt eines psychedelischen Trips.

Mit Tränen in den Augen ging ich durch das große Holztor.
Über eine Schwelle.
Hinein in mein neues, altes Leben.

Ich bewegte mich wie ein staunender Marsmensch, der gerade auf der Erde gelandet war, in Zeitlupe durch Wiesen und Wälder. Ich wollte, dass dieses Gefühl niemals endet.

Tja – Wie war das am Anfang noch einmal mit Wünschen und Erwartungen?

Die Zartheit des Vergänglichen

Nach etwa 45 Minuten dieser Euphorie und Ekstase merkte ich beim ziellosen Herumgehen plötzlich, wie sich langsam eine gewisse Melancholie einschlich. Ein Flacherwerden der Erfahrung. Fast eine leichte Abstumpfung. In dieser gedämpften Stimmung setzte ich mich auf einen großen Felsen mitten in einem kleinen Bach und schaute dem Wasser zu.

Und dann wurde es klar:
Alles vergeht.

Kein Zustand. Kein Gefühl. Kein Gedanke.
Nichts davon lässt sich festhalten.
Nichts im Außen – mag es noch so solide erscheinen – wird jemals bleiben.
Auch der größte Berg wird irgendwann zu Staub zerfallen.
Je stärker wir versuchen, die Dinge festzuhalten, desto größer wird der Schmerz, wenn sie uns entgleiten.

Das Einzige, was immer bleibt, ist der ungeborene, unerschütterliche Raum unseres Gewahrseins.
So hat mir die Dunkelheit das Licht enthüllt.

Diese Erkenntnis brachte eine ungeheure Zartheit mit sich. Eine natürliche Traurigkeit. Und eine bedingungslose Liebe.

Denn wenn alles in dieser Welt so fragil, verletzlich und vergänglich ist – und wir gleichzeitig das Licht unseres eigenen Gewahrseins nicht erkennen –, dann bleiben Liebe und Mitgefühl die einzig angemessene Antwort, die spontan aus dem Raum heraus entsteht. 

“Love is the child of space”
(Reggie Ray)

Kontrast

Nach etwas Erholung saß ich teilweise stundenlang in völliger Ruhe und Stille in meinem Garten und war einfach nur da. Ich musste nicht meditieren. Nach dieser Woche in der Dunkelheit stellte sich diese Qualität des Seins in der natürlichen Umgebung fast von selbst ein.

Bevor ich in die Slowakei aufgebrochen bin, hab ich noch an einem Onlinekurs mit einem meiner tibetischen Lehrer Tenzin Wanygal Rinpoche teilgenommen, der als golfspielender Lama den westlichen Lebensstil sehr gut kennt. Geboren im Irdendwo im Nirgendwo in eine Nomadenfamilie in der tibetischen Amdoregion, und heute in Californien lebend, kennt er den Kontrast zwischen den beiden Welten. Und er sagt:
“The thing people in the West need to learn the most, is to REST.”

Hier im Garten diese Worte erinnernd, denk ich mir, dass ich bis jezt gar nicht wusste, was Entspannung eigentlich ist. Ja – ich war noch nie in meinem Leben SO entspannt. Das berührt mich selbst zutiefst.

Wir Westler leben im Schnitt in einem Hamsterrad einer völligen Dauerüberforderung ohne (WIRKLICHE) Pausen und wollen dann (so wie ich über weite Strecken meines Lebens) auf Knopfdruck im Urlaub, im Workshop, im Retreat, in der Meditation abschalten und entspannen. Dabei kommen wir vielleicht im besten Fall “runter” – sind aber immer noch WEIT entfernt vom Nullpunkt. Wenn wir DEN erfahren wollen, müssen wir uns WIRKLICH darauf einlassen. Und nachdem ich mein Leben lang unbewusst die Höhen gejagt habe, bin ich neugierig wie viel an Tiefe da noch ist, die ich ausloten kann.

“Der Schlüssel des spirituellen Weges ist die Entspannung”
– das ist mir grad sonnenklar. 

Dann der Kontrast … nach und nach stiegen wieder unzählige Impulse aus meinem Inneren auf:
1000 kleine Ideen, was ich jetzt alles nachschauen, nachlesen, nachgoogeln, aufschreiben oder sonst irgendwie tun könnte.
„Ich könnte aber auch einfach sitzen bleiben.“ – Und genau das tat ich.

Ich ließ die Impulse ins Leere laufen.

In diesem Kontrast zwischen innen und außen wurde mir deutlich, wie ich in meinem normalen Leben oft wie eine Flipperkugel bin – getrieben zwischen zahllosen Reizen aus meinem Inneren und meiner Umgebung. Und wie oft ich diesen Impulsen einfach ungeprüft folge. Kein Wunder, dass ich erschöpft bin, dachte ich. Alles wurde noch einmal klarer.

Paradox

Ein Paradox, das sich mir förmlich aufgedrängt hat, ist folgendes:
Auf der relativen Ebene sind wir als Menschen unglaublich abhängig vom Außen. Wir werden ständig berührt und geprägt von allem, was uns umgibt – ob uns das bewusst ist oder nicht.

Es ist ähnlich wie unsere Beziehung zur Natur. Wir denken meist:
“Da gibt es uns. Und dort gibt es die Natur.”
Bis wir irgendwann erkennen: “Wir SIND Natur.”

Jegliche Trennung zwischen uns und der Welt ist letztlich eine gedankliche Konstruktion. Diese relative Abhängigkeit – dieses „Interbeing“, wie Thich Nhat Hanh es nennt – gilt es nicht zu bekämpfen, sondern als grundlegende Tatsache unseres Daseins anzunehmen.

Auf der anderen Seite gibt es eine andere Dimension:
Auf einer tieferen Ebene haben wir Zugang zu der Erfahrung, dass unser inneres Glück völlig unabhängig von äußeren Bedingungen ist. Qualitäten wie Liebe, Frieden, Freude und Verbundenheit können aus einer Quelle in uns selbst entstehen.

Diese beiden Ebenen gleichzeitig zu halten, ohne eine davon zu verleugnen, ist vielleicht eine der größten Aufgaben menschlicher Reife.

Wie F. Scott Fitzgerald einmal schrieb:
„The test of a first-rate intelligence is the ability to hold two opposed ideas in mind at the same time and still retain the ability to function.

Danach

Ich schreibe diesen Text wahrscheinlich etwas voreilig.
Diese Erfahrung wird mich vermutlich noch Monate beschäftigen, und vieles wird sich erst mit der Zeit weiter entfalten. Es sind nun erst zehn Tage vergangen, seit ich aus der Dunkelheit zurückgekehrt bin.

Seitdem war ich teilweise völlig überfordert und körperlich sehr erschöpft. Ich verbringe viel Zeit allein auf meinem Sofa oder auf meinem Meditationskissen. Ich muss mich langsam wieder an die Anforderungen meines Lebens gewöhnen. Schritt für Schritt Dinge verändern, die mir nicht mehr dienen. Dinge loslassen, die nicht mehr dem entsprechen, wohin ich wirklich möchte. Und das wird eine long and winding road.

Aber es gibt keine andere Möglichkeit.
Pandoras Box ist geöffnet.

Und auch wenn ich manchmal auf Abwege komme, bete ich inzwischen dafür, dass auch diese Wege mich letztlich nach Hause führen.

Meine letzten Worte

Wenn du in deinem Leben für eine Sache betest, dann bete für einen Lehrer, der dich dem Licht deines eigenen Gewahrseins näherbringen kann. Es ist einer der größten Segen, den ein Mensch erfahren kann. Und es ist eine der größten Quellen von Dankbarkeit in meinem Leben.

Ich danke meinen wichtigsten Lehrern – Tsoknyi Rinpoche, Mingyur Rinpoche & Tenzin Wangyal Rinpoche – aus tiefstem Herzen dafür, mich in die Natur meines Geistes eingeführt zu haben. Mir etwas gezeigt zu haben, das schon immer da war und immer da sein wird.

Falls du selbst einmal ein Dark Retreat machen möchtest, kann ich dir nur raten, dich gut vorzubereiten. Wobei man sich wahrscheinlich nie wirklich auf etwas vorbereiten kann, von dem man keine Ahnung hat, wie es sein wird. Ich hätte mir jedoch nicht vorstellen können, diese Tage zu durchleben, wenn ich nicht schon vorher Erfahrung mit Meditation, Stille, Retreats und anderen Grenzerfahrungen gesammelt hätte. Und ohne die tiefe Hingabe an einen spirituellen Weg, hätte ich nicht den langen Atem gehabt und genug Sinn darin gefunden, diese Zeit durchzustehen. Rein als „Persönlichkeitsentwicklungsprojekt“ wäre die Motivation wahrscheinlich nicht stark genug gewesen.

In the empty moments

Ich möchte mit etwas Schönem abschließen:
Vor über zehn Jahren haben Sophie und Nils auf meinem ersten Tantra-Workshop das Lied „Invitation“ von Peter Makena gespielt. Ein Lied, das mich seitdem immer wieder tief berührt und zu Tränen gerührt hat.

Es endet mit diesen Zeilen:

It doesn’t interest me,
where or what or with whom you studied,
I want to know,
what sustains you from within,
when all else falls away.
I want to know,
if you can be alone with yourself.
and if you truly like the company you keep –
in the empty moments,
in the empty moments,
in the empty moments. 

Früher hatte ich bei diesen Zeilen oft ein Gefühl von Mangel. Als wäre da eine Unsicherheit:
Was trägt mich wirklich von innen heraus?
Kann ich wirklich allein mit mir sein?
Halte ich mich selbst in den leeren Momenten aus?

Heute kann ich sagen:
Yes.
I can be alone with myself.
And I truly liked the company I kept.

In the empty moments.

Alles Liebe.
Und danke fürs Marathon-Lesen.
Manuel

PS: „Invitation“ ist auch das erste Lied auf meiner „Dark-Retreat-Spotify-Playlist.


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