Die Alchemie der Liebe

 

„Liebe ist die Grundstruktur des Universums“ schreibt Willigis Jäger – spiritueller Lehrer in der mystisch-christlichen & Zen-Tradition – in seinem Buch „Über die Liebe“.

Und trotzdem ist die Fähigkeit zu Lieben nicht selbstverständlich in jedem Menschen ausgereift. Obwohl uns dieses Potential allen gegeben scheint, ist die Entfaltung der Liebesfähigkeit eine Kunst, die man Lernen – oder etwas poetischer ausgedrückt – zur Blüte bringen kann. Zu Lieben ist eine alchemistische Praxis – eine bewusste Aktivität die unserem Leben Sinn verleiht.

Dieser Artikel ist der Versuch, sich dem Phänomen Liebe zu nähern, indem ich die Liebe auf 3 verschiedene Bezugspunkte richte und Anstöße dafür gebe, unter welchen Bedingungen die Liebe besonders gut gedeihen kann:

1) Bezugspunkt „ICH“ – Selbstliebe – Wer bin Ich?

Ich bin der den ich liebe, und der den ich liebe, ist ich. 
(Al-Halladsch)

Sich selbst zu Lieben heißt „so sein dürfen“, sich selbst wertzuschätzen für das was man ist. Um das aus vollem Herzen tun zu können, muss ich aber erst herausfinden wer ich eigentlich wirklich bin. Kenne ich die Eigenschaften und Qualitäten die mich zu dem einzigartigen Ausdruck des Mensch-Seins machen der ich in diesem Leben, an diesem Ort und zu dieser Zeit bin? Verbunden mit allen – und doch unverwechselbar? Stimmen meine Worte, Taten und Gedanken mit meinem Lebensentwurf überein? Kenne ich meine Lebensaufgabe und bin ich mir bewusst, was das höchste Potential ist, das ich in diesem Leben verwirklichen möchte? Kann ich ehrlich sagen – „Es ist gut, dass ich bin wie ich bin?“

“Your imperfections, your quirks, your seeming flaws, your weirdnesses, your unique and irreplaceable flavours, (is) what made you so loveable, so human, so real, so relatable. Be what you are”
(Jeff Foster)

Vielleicht hat Dir als Kind auch schon mal jemand folgenden Satz gesagt: „Du bist nicht der Mittelpunkt des Universums.“ – Stimmt nicht. Wenn Du vom beobachtbaren Universum ausgehst, ist immer der Beobachter der Mittelpunkt des Geschehens. Ist es nicht ein kühner und großartiger Gedanke, dass DU das Zentrum Deiner Welt bist – von dem aus sich das Universum in alle Richtungen in die Unendlichkeit erstreckt. Egal wohin und wie weit Du wanderst – DU bist IMMER der Mittelpunkt Deiner Schöpfung. Du kannst Dir einfach nicht davonlaufen. So gesehen wäre es nur clever irgendwann mal damit zu beginnen diese Person die sich einfach nicht abschütteln lässt, lieb zu gewinnen 🙂 – Dein Selbst wird so zum Ankerpunkt – zu Deinem Zentrum. Es ist der Referenzpunkt von dem aus Du all Deine Werte mit Deinem Wesen abstimmst. Wer sich selbst liebt, ist fähig „Standpunkt“ zu beziehen. Wer sich selbst liebt, ist sich seiner Grenzen bewusst und der Ausdehnung seiner Präsenz. Wer sich selbst liebt, liebt gleichzeitig das was er ist und das was er werden kann.

Erst wenn Du weißt, wer Du bist, kannst Du authentisch und echt mit anderen liebend in Kontakt treten. Somit ist Selbstliebe immer der erste Schritt.

2) Bezugspunkt „DU“ – die Liebe zum Anderen – Wer bist Du?

Aus Deinem Zentrum heraus kannst Du dann Deine Fühler ausstrecken und Dich der Welt in Offenheit zuwenden. Zusammenziehung & Öffnung (bzw. Dehnung) sind die zwei Grundbewegungen des Lebens. Gut geankert in der Liebe zu unserem Selbst, kannst Du Dich Anderen gegenüber öffnen und auf Empfang schalten. Du kannst den Anderen in seinem einzigartigen Sein sehen und sein-lassen und wirst Dich automatisch zu jenen Menschen hingezogen fühlen, die Deinen Weg auf irgendeine Weise unterstützen. Aus inneren Bewegungen heraus entstehen Begegnungen. Aus Begegnungen werden Beziehungen und aus Beziehungen so manche Bindung.

Ein rhythmisches Wechselspiel zwischen Kontakt & Rückzug, zwischen Führung & Hingabe, zwischen Ich & Du, zwischen Erweiterung & Wahrung Deiner Grenzen prägt ein gesunde Liebe zum Anderen.

“Und diese menschlichere Liebe (die unendlich rücksichtsvoll und leise, und gut und klar in Binden und Lösen sich vollziehen wird) wird jener ähneln, die wir ringend und mühsam vorbereiten, der Liebe, die darin besteht, dass zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.”
(Rainer Maria Rilke)

Die Bereitschaft zur Öffnung und dazu den Anderen in Dich aufzunehmen und einströmen zu lassen macht berührbar und damit auch verletzbar. Diese zwei Eigenschaften gehen Hand in Hand. Als fühlende Wesen erleben wir im Kontakt mit anderen Menschen die ganze Bandbreite unserer menschlichen Emotionen. Mit Freude und Ekstase haben wir meist keine großen Probleme – anders mit Wut, Schmerz, Eifersucht, Trauer, Ohnmacht oder Verzweiflung. Mit dem Wunsch in Beziehung zu Anderen zu wachsen, können wir uns aber auch diesen Gefühlen gegenüber öffnen – und fühlen uns vielleicht nicht immer im siebten Himmel – aber wir sind wahrlich lebendig. Mit einem eiskalten Pokerface hingegen darfst Du Dich nicht wundern, wenn Dir nie wirklich warm ums Herz wird. Da das nicht immer leicht ist, braucht es Übung. Diese erfordert ein sicheres Übungsfeld. Zu diesem kommen wir im nächsten Punkt.

3) Bezugspunkt „WELT“ – die Liebe zu Mutter Erde & Vater Himmel:


Die Natur ist unser dritter Bezugspunkt und die perfekte Spielwiese für das was wir bedingungslose Liebe nennen. Denn hier haben wir die Chance unsere Sinne weit aufzumachen und das Leben voll und ganz in uns einströmen zu lassen. Hier entdecken und fördern wir unsere Sensitivität, Sinnlichkeit und Erlebnisschönheit. Hier haben wir oft das uneingeschränkte Gefühl so sein zu können, wie wir wirklich sind. Hier müssen wir uns nicht schützen, sondern können uns öffnen und uns sicher verwurzelt in der Erde (unserem Ich) vertrauensvoll dem Himmel (dem Du) entgegenstrecken.

In der Natur kannst Du Deine Aufmerksamkeit und Wachheit schulen und in voller Bewusstheit und Präsenz jede Blume, jeden Stein, jedes Tier in seiner Einzigartigkeit erleben und lieben – ohne sie festhalten oder verändern zu wollen. Ohne das Verlangen von eben diesem Baum, dieser Blume oder diesem Tier zurückgeliebt zu werden.

Wenn wir diese Erlebnisse in der Natur auf unsere menschlichen Beziehungen übertragen, wird es leichter den Schritt vom „Ich liebe Dich wenn …. “ zum „Ich liebe Dich auch wenn ….“ zu vollziehen – bis hin zum „Ich liebe Dich!“ … oder den besonderen Momenten im Leben in denen sogar diese Worte nichtig werden und nur noch LIEBE bleibt, weil man ganz LIEBE ist.

Die Alchemie der Liebe

Was können wir von der Alchemie über die Liebe lernen?

Den Alchemisten sagte man die Kunst nach, durch Transformation Blei in Gold verwandeln zu können. Jeder der schon einmal geliebt hat, weiß, dass die Liebe wahrscheinlich die größte transformative Kraft dieser Erde ist. Und bei so manchem schon, hat sie bleierne Stellen des Herzens und des Bewusstseins in Gold verwandelt.

Der Alchemist braucht 3 wichtige Dinge zum Vollbringen seines Werkes:

a) Ein Gefäß
b) eine zu verwandelnde Substanz und
c) Energie zur Transformation

Außerdem braucht er Zeit, Raum und Geduld.

Wie können wir das auf die Liebe umlegen?

Liebe braucht Zeit & Raum.
Liebe offenbart sich in der Gegenwärtigkeit des Moments. Wenn wir ständig der Vergangenheit nachhängen oder die Zukunft antizipieren, dann sind wir meist nostalgisch oder hoffnungsvoll – aber nicht in der Liebe. Liebe braucht unsere zeitliche und räumliche Präsenz – wir müssen ganz DA sein um zu lieben.

Liebe braucht auch Langsamkeit & Stille:
Sind wir zu schnell unterwegs oder schaffen wir es nicht lange genug an einem Ort zu verweilen, kann sich keine Erlebnistiefe einstellen. Erst wenn das Denken still wird und der Verstand schweigt, kann Liebe sich ungehindert ausbreiten.

„Das Schlimmste daran, dass wir Schnelligkeit als die Antwort auf Komplexität verwenden ist, dass wir sehr bald nichts mehr anderes wahrnehmen als das, das mit der selben Geschwindigkeit reist, wie wir. Wir entfremden uns von den subtileren Erscheinungen der Existenz; und entfernen uns von den größeren Zyklen unseres Reifungsprozesses. Zeit selbst wird unser Feind und hält uns seltsamerweise davon ab eine wirkliche Beziehung mit dem Zeitlosen einzugehen. Das innere, ewige, schöpferische Selbst – ursprünglicher Einwohner des Raumes in dem Zeit nicht existiert, wird der größte Fremde von allen.
(David Whyte)

Liebe braucht ein Gefäß.
Was beim Alchemisten der Kessel, ist bei der Liebe unser Bewusstsein – unser Bewusstsein ist das innere Gefäß in dem sich alles abspielt. Deshalb müssen wir auch bewusst-SEIN um zu lieben. Aber auch Commitments in der Partnerschaft und vertrauensvolle Spielregeln bieten einen äußeren Rahmen für Intimität (siehe anderer Artikel / Treue & Intimität) … denn Liebe in all ihrer Freiheit ist nicht Beliebigkeit! Dieser Rahmen stellt sicher, dass nicht zu viel Schaden entsteht, wenn die Reaktionen der Substanzen einmal heftig werden – und das werden sie in einem alchemistischen Kochtopf früher oder später immer 🙂

Liebe liefert Energie zur Transformation:
Liebe bietet Energiequellen in Hülle und Fülle – das lodernde Feuer des Begehrens, die Tiefe der Empfindung oder die Kraft gemeinsamer Visionen. Du musst nur schauen, dass Du das Feuer auch gut am Laufen hältst in dem Du Dich ganz auf eine Beziehung einlässt. Ohne Einlassen – wenig Energie.

Fehlt nur noch die zu verwandelnde Substanz:
Die sind wir selbst – wir und unser Denken, Fühlen und Handeln – nichts in uns bleibt von der Liebe unberührt und unverwandelt. Sie ist ein ganzheitliches Erlebnis – und damit schließt sich der Kreis – denn damit sind wir wieder bei uns selbst angelangt. Und in diesem Moment der Liebe verstehen wir dann auch mit unserem Herzen was Willigis Jäger meint, wenn er sagt:

„Die Liebe ist die Grundstruktur des Universums.“ 

Und am Ende seines Buches schreibt er noch folgendes:

“Was wir am Ende in Händen halten, sind nicht unsere Leistungen und Werke.
Wir werden uns zuerst und vor allem der Frage stellen müssen, wie viel wir geliebt haben.”

 
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